Zuviele ICSIs?

In Deutschland nimmt die Zahl der Kinderwunschbehandlungen aus Kostengründen deutlich ab, während der Trend in Europa in die andere Richtung geht. Aber auch ein weiterer Trend konnte festgestellt werden: Die prozentuale Anteil von ICSI-Behandlungen nimmt zu ungunsten der IVF-Therapien zu, kritisierte der Leiter eines Patientenregisters auf der Jahrestagung der ESHRE in Barcelona.

Der Anteil der ICSI-Behandlungen nimmt zu

Bis 2005 – dem letzten Jahr, aus dem Daten vorliegen – stieg die Zahl der ART in Europa gegenüber den Daten aus dem Vorjahr um 14 Prozent auf 367.056 Zyklen. Und dabei kam es erneut zu einem Anstieg des relativen Anteils der ICSI-Behandlungen, obwohl der Anteil schwerer männlicher Fruchtbarkeitsstörungen nicht gewachsen ist. Und eine deutlich eingeschränkte Spermienqualität ist nach wie vor eine der wenigen Indikationen, bei der die ICSI zur Anwendung kommt.

Das Verhältnis von ISCI zu IVF hat sich seit 1997 umgekehrt. Damals lag der Anteil der ICSI-Therapien bei einem Drittel, heute wählen die Reproduktionsmediziner in zwei von drei Fällen die kompliziertere und um zehn bis 30 Prozent teurere ICSI-Methode. Wobei natürlich zu sagen ist, dass 1997 noch nicht alle Kinderwunsch-Kliniken technisch die Möglichkeit hatten, überhaupt eine ICSI durchzuführen.

Der Trend nimmt von Nord nach Süd zu

Die Verteilung ist auch länderabhängig unterschiedlich. Während es in Südeuropa in 66 bis 81 Prozent eine ICSI durchgeführt wird, liegt diese Zahl in den nordeuropäischen Ländern, in den Niederlanden und Großbritannien bei 40 bis 44 Prozent. Deutschland, Österreich und Belgien bilden mit einem Anteil von 68,5 bis 73 Prozent das Mittelfeld.

Der Leiter des europäischen Registers Nyboe Andersen geht davon aus, dass die ICSI oft auch aus Sicherheitsgründen gewählt wird, um bei gemischten Indikationen mit einer leichten Beeinträchtigung des Spermiogramms mit höherer Wahrscheinlichkeit zu einer ausreichenden Anzahl befruchteter Eizellen zu kommen. Auch das Alter der Frau scheint eine Rolle zu spielen.

Andersen vermutet, dass die Ärzte – vielleicht auch auf Drängen der Paare – die ICSI bevorzugen, um bei Infertilitäten „gemischter“ oder „unklarer“ Ursache auf der sicheren Seite zu sein. Auch bei älteren Frauen wird die ICSI häufig bevorzugt. Möglicherweise bedingt dadurch, dass in höherem Alter oft wenig Eizellen vorhanden sind und man damit die Wahrscheinlichkeit der Befruchtung erhöhen möchte. Jedoch belegen Studien zu diesem Thema, dass die Befruchtungsrate durch die ICSI nicht besser ist als bei der IVF, vorausgesetzt die Spermienqualität des Partner ist gut. Die europaweite Schwangerschaftsrate betrug 2005 nach IVF 30,4 % und nach ICSI 30,3 %.

Sobald die Daten schriftlich vorliegen, werde ich die restlichen Details nachreichen.

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Dr. med. Elmar Breitbach ist Facharzt für Frauenheilkunde, Reproduktionsmedizin und Endokrinologie. Er ist als Reproduktionsmediziner seit mehr als 30 Jahren in der Behandlung ungewollter Kinderlosigkeit tätig. Dr. Elmar Breitbach ist Gründer und Betreiber von wunschkinder.de.
 

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Kommentar

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9 Kommentare
  1. Rebella schreibt

    Ich habe ja die Vermutung, dass auch deshalb die ICSI in manchen Fällen unnötig durchgeführt wird, weil sich mit der ICSI mehr verdienen läßt …

  2. E. Breitbach schreibt

    @Rebella: In D sind´s 100 Euro mehr. Dafür lohnt sich keine schlechtes Gewissen 😉

  3. Ich schreibt

    Ich verstehe nicht wo das Problem liegt? Warum ist es besser eine IVF zu machen?
    Wenn die Chancen höher sind dass eine Spermie eine Eizelle trifft und sie befruchtet, warum nicht?
    Dann sind auch die Kosten niedriger und auch der Leid der Paare, weil mal auch wenigere Versuche braucht. Zu mindest siehe ich es so,theoretisch.
    Und ich verstehe auch nicht wieso schlechte Spermien nicht ein Grund für ICSI sind? Ich dachte ICSI eignet sich eben für die Fälle wo die Spermies nicht O.K sind (OAT) und IVF sei eher für Probleme bei Frau geeignet (wo die Spermies O.K sind und alleine zur Eizelle gehen können).
    Also irgendwie dreht sich in der letzten Zeit alles um, man versteht kaum etwas.
    Und mit der Statistik für Männer habe ich auch so meine Bedenken.

  4. maren+kids schreibt

    Wollte deswegen auch nachhaken. Weshalb wird die höhere Anzahl von ICSIs kritisch gesehen?
    (Zwillis nach ICSI/Kryo, IVF war geplant, wurde vom Arzt wg. massiver Überstimm. mit 45 Eiz. in ICSI/Kryo umentschieden um Befruchtungsrate zu erhöhen und weitere Stimm. möglichst zu vermeiden). Mir pers. wäre mit IVF wohler, habe öfter Sorgen wg. mangelnder Langzeitstudien bei ICSI, Kryo.

  5. E. Breitbach schreibt

    @maren+kids: Letzteres ist genau der Grund. Praktisch alle Studien zu diesem Thema ergeben beruhigende Resultate, aber letztlich wird die ICSI erst halb so lange angewendet wie die IVF. Konkrete Bedenken gibt es sicherlich nicht mehr

  6. MichaW schreibt

    Sorry Doc, aber nur 100 € mehr, das kann ich nur schwer glauben. Wir bekommen wegen unserer Kassenkonstellation (ich priv., Mann GKV) immer eine extra rechnung mit den reinen ICSI-Kosten das sind für 5 EZ gut 1000 € (bei 1,15 GOÄ-Satz – privat versicherten Männern wird sicher noch mehr abgerechnet). Natürlich weiß ich nicht, welche GoÄ-Ziffern bei einer IVF stattdessen anfallen würden, aber so wie ich die Rechnung lese, sind das die Kosten für das Injizieren des Spermiums in die EZ, was ja bei IVF komplett wegfällt.
    Jetzt mag der Anteil der privat Versicherten nicht das Gros der Patienten ausmachen, aber gerade deswegen hat man schon immer wieder das Gefühl als PKV-Patient viele Behandlungen zu bekommen, nur weil sie Geld bringen…

  7. E. Breitbach schreibt

    @MichaW: Die Aussage bezog sich natürlich auf GKV-Patienten, also die überwiegende Mehrzahl der Patienten

  8. J.Kullmann schreibt

    Also ich finde es normal, dass die Anzahl der ICSI steigt. Viele Paare entscheiden sich heute später als früher für ein Kind

    Aber wieso höre ich immer nur "Alter der Frau". Mensch es gibt auch Familien, da ist der Mann viel älter und deswegen eine ICSI angezeigt, weil die Spermien nicht mehr so gut sind oder wie in unserem Fall von vorhandenen 0,5 Mio/1ml auch noch 99 deformiert sind.

    Ich finde, auch das Alter der Männer sollte berücksichtigt werden.

  9. E. Breitbach schreibt

    @J.Kullmann: Das Alter der Frau ist statistisch gesehen einer der wichtigsten Faktoren, wenn es darum geht die individuelle Prognose eines Paares einzuschätzen. Natürlich ist auch das Alter des mannes einer von vielen weiteren Faktoren, die einen Einfluss haben, aber mit einer sehr viel geringeren Ausprägung als das Alter der Frau. Einzelfälle helfen bei der Betrachtung der Gsamtsituation nicht wirklich weiter