Nach IVF: Jede fünfte Frau wird auf normalem Weg schwanger

Nach IVF treten Schwangerschaften häufiger als gedacht auf normalem Wege ein

Es wird häufig von einem „Wunder“ gesprochen, wenn nach einer künstlichen Befruchtung eine Schwangerschaft auf normalem Weg eintritt. Wie häufig ist es eigentlich und wie wundersam ist eine solche „Spontanschwangerschaft“?

Schon länger bekannt

Es ist hinlänglich bekannt, dass Schwangerschaften auf normalem Wege auch bei Paaren eintreten können, die sich – erfolgreich oder auch nicht – eine Kinderwunschbehandlung unterzogen haben. Trifft es prominente Personen, dann landet diese Wundermeldung oft gleich in den einschlägigen Zeitschriften. Dass Spontanschwangerschaften nach einer künstlichen Befruchtung durchaus auftreten und das häufiger als oft angenommen, haben wir hier zuletzt vor 10 Jahren hier berichtet1. Aufgrund dieser und ähnlicher Studien ging man bislang davon aus, dass  in 15 bis 20% der Fälle eine Schwangerschaft auf normalem Weg eintreten kann.

Wovon hängen die Chancen auf eine Spontanschwangerschaft ab?

Es gilt hier das Gleiche wie immer, wenn es um die Chancen auf eine Schwangerschaft geht: Das Alter der Frau ist entscheidend, gefolgt von der Dauer der Kinderlosigkeit. Hinzu kommt die Ursache, also die Diagnose, mit der man den unerfüllten Kinderwunsch erklärt. Dazu gibt es eine schöne Untersuchung, bei der die auf normalem Wege eingetretenen Schwangerschaften in der Wartezeit auf eine künstliche Befruchtung (also VOR der Behandlung) untersucht wurden2, hier unter „Abwarten macht auch schwanger“ vor einiger Zeit vorgestellt.

Spontanschwangerschaften bei unterschiedlichen Diagnosen

In dieser Studie traten spontane Schwangerschaften auch bei Frauen auf, deren Eileiter nicht durchgängig sind. Dennoch weisen diese Patientinnen die eindeutigste Sterilitätsursache auf und diente bei dieser Studie als Vergleich.

Eileiterschäden     Faktor 1
EndometrioseFaktor 0,7
HormonstörungenFaktor 1,2
Schlechte SpermienqualitätFaktor 1,6
Immunologische StörungenFaktor 1,7
Ungeklärte „idiopathische“ SterilitätFaktor 2,6

Das bedeutet also z. B., dass die Chancen auf eine Spontanschwangerschaft bei einer Sterilität aus unbekannter Ursache (idiopathisch) fast dreimal so hoch sind wie bei der Diagnose „verschlossene Eileiter“, während die Chancen bei Endometriose nur zwei Drittel betragen, wenn man Frauen mit tubarer Sterilität als Vergleichsgruppe nimmt.

Erneute Schwangerschaft auf normalem Weg nach erfolgreicher IVF

Eine aktuelle Studie ging nun der Frage nach, wie hoch die Chance auf ein weiteres Kind auf normalem Wege nach einer erfolgreichen IVF oder ICSI ist3. Dazu wurde von den Autor/innen eine Zusammenfassung bereits vorhandener Studien (Metaanalyse) durchgeführt: Es konnten auf diesem Weg die Daten von 5180 Paaren ausgewertet werden.

Bei einem Fünftel der Paare trat eine weitere Schwangerschaft auf normalem Weg auf

Die kurze Antwort der Studie: 20% der Frauen wurde wieder schwanger. Und das ohne jede weitere medizinische Unterstützung. Es mag durchaus sein, dass diese Zahl höher ist, denn es wurde nicht erfasst, wie viele Paare nach der erfolgreichen Behandlung überhaupt eine weitere Schwangerschaft anstrebten oder vielleicht sogar verhüteten. Nach 3 Jahren traten bereits 18% Spontanschwangerschaften ein.

Vor diesem Hintergrund stellt sich die Frage, ob es bei einem Teil der Paare nicht klüger gewesen wäre, die erste (erfolgreiche) Behandlung später durchzuführen. Wie gesagt: Abwarten macht auch schwanger. Aber es gilt auch: erst hinterher ist man klüger.

Schlussfolgerungen

Beide Studien, die aktuelle und die ältere aus den Niederlanden belegen eine überraschend hohe Rate an Spontankonzeptionen vor oder nach einer (geplanten) künstlichen Befruchtung. Die Schlussfolgerungen sind die gleichen, wie bereits vor Jahren zusammengefasst:

  1. Grundsätzlich hat jedes Paar eine Chance, auch auf normalem Wege schwanger zu werden, Azoospermie, vorzeitige Wechseljahre oder nachweislich verschlossene Eileiter einmal außen vorgelassen.
  2. Möglicherweise wird zu oft zu früh behandelt und je nach Indikation, Alter und Kinderwunschdauer müssen längere Wartezeiten gelegentlich diskutiert werden müssen. Eine Gratwanderung, keine Frage.
  3. Die meisten Spontanschwangerschaften (18%) treten bereits nach 3 Jahren ein.
  4. Sterilitätspatienten müssen nach einer Entbindung auch bei eingeschränkter Fruchtbarkeit über die Möglichkeiten der Verhütung aufgeklärt werden, wie jedes andere Paar auch. Denn nicht immer ist das nächste Kind sofort gewünscht.

Noch Fragen?

Dann haben Sie in unserem Kinderwunschforum die Möglichkeit, sich mit anderen Betroffenen auszutauschen oder Fragen an unsere Experten zu richten. Und hier finden Sie die Übersicht über die andere Foren von wunschkinder.de. Die am häufigsten gestellten Fragen haben wir nach Themen geordnet in unseren FAQ gesammelt.

Dr. med. Elmar Breitbach ist Facharzt für Frauenheilkunde, Reproduktionsmedizin und Endokrinologie. Er ist als Reproduktionsmediziner seit mehr als 30 Jahren in der Behandlung ungewollter Kinderlosigkeit tätig. Dr. Elmar Breitbach ist Gründer und Betreiber von wunschkinder.de.
 

Literatur

  1. Wynter K, McMahon C, Hammarberg K, McBain J, Boivin J, Gibson F, Fisher J
    Spontaneous conceptions within two years of having a first infant with assisted conception.
    Aust N Z J Obstet Gynaecol. 2013 Aug 2. doi: 10.1111/ajo.12112.
  2. Eijkemans MJ, Lintsen AM, Hunault CC, Bouwmans CA, Hakkaart L, Braat DD, Habbema JD
    Pregnancy chances on an IVF/ICSI waiting list: a national prospective cohort study.
    Hum Reprod. 2008 May 1.
  3. Thwaites, A., Hall, J., Barrett, G., & Stephenson, J. (2023). How common is natural conception in women who have had a livebirth via assisted reproductive technology? Systematic review and meta-analysis. Human Reproduction, dead121.
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Kommentar

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4 Kommentare
  1. Elly schreibt

    Das freut mich für die anderen, denen es ebenso geht wie uns! nachdem wir für unseren erstgeborenen Schatz 6 Jahre und 4 ICSI brauchten, dauerte für unsere kleine Nervensäge nur 12 Monate. UNd ich dachte die ganze Zeit, wir wären ein medizinisches Wunder 😛

  2. Elmar Breitbach schreibt

    Dass es tatsächlich 20 Prozent sind, wunderte mich dann schon, aber es passiert tatsächlich häufiger, als man generell annimmt. Herzlichen Glückwunsch 😉

  3. StART Familie schreibt

    Hallo Ihr Lieben

    Für unsere Studie StART Familie sind wir auf der Suche nach genau solchen Familien, um den Einfluss von IVF/ICSI auf die Familie zu untersuchen. Schaut doch gerne mal bei http://www.start-familie.ch vorbei. Die Teilnahme ist auch aus Deutschland möglich.

    Wir freuen uns auf euch!

  4. Elmar Breitbach schreibt

    Viel Erfolg!