In vitro fertilisation: Sex nach Transfer ist erlaubt

Vom Verkehr nach IVF-Transfer wird oft abgeraten. Ist das wirklich notwendig?

Die Vorstellung nach einer In vitro Fertilisation Geschlechtsverkehr zu haben, mag angesichts vergrößerter Eierstöcke und Bauchschmerzen nach der Punktion nicht für jeden reizvoll sein, aber das ist letztlich nicht die Frage. Muss man enthaltsam sein? Ist Sex nach Transfer schädlich für die Embryonen in die Gebärmutter?

Grundlagen zur Frage

Der Fragestellung „Sex nach (oder vor) Embryotransfer liegt ein Problem zugrunde, über das sich schon viele Gedanken gemacht haben: Warum nisten sich die Embryonen nicht ein und liegt es vielleicht daran, dass im Rahmen einer IVF oder ICSI der Körper den Kontakt zu den Embryonen verliert und was passiert normalerweise, wenn die Embryonen befruchtet im Eileiter unterwegs sind? Passend zu dieser Fragestellung wurden ja auch bereits Versuche mit Seminalplasma durchgeführt. Die Ergebnisse sind aktuell wenig überzeugend.

Werden dann irgendwelche Stoffe abgegeben, welche die Gebärmutter auf die Einnistung vorbereiten? Ist es also von Nachteil, dass die Spermien sich nicht mit dem Immunsystem der Frau auseinandersetzen können, um dieses positiv zu beeinflussen? Es wäre also logisch, möglichst die natürlichen Verhältnisse nachzuspielen und dem Paar zu Verkehr zu raten, zumindest vor dem Transfer.

Die „australische Studie“

Die erste dazu publizierte Studie erschien im Jahre 20001. Sie wird in unserem und anderen Foren immer wieder zitiert, deswegen ist es sicherlich auch mal erhellend, die Ergebnisse genauer aufzudröseln. Forscher der Universität Adelaide und des IVI in Valencia untersuchten den Verlauf von 478 IVF-Zyklen. Den Paare wurden entweder zur Enthaltsamkeit geraten oder zum Sex nach Transfer. Mit Verkehr nach Transfer traten in 23,6% der Zyklen eine fortlaufende Schwangerschaft ein, ohne in 21,% der Behandlungen.

Auffällig war jedoch, dass die Zahl der eingenisteten Embryonen in der Gruppe mit Verkehr nach Transfer höher war. Es gab also nicht mehr Schwangerschaften, es traten jedoch häufiger Mehrlinge auf. Die Autoren kamen damals zu dem Schluss, dass Kontakt des weiblichen Genitaltrakts mit Samenflüssigkeit im Zeitraum um den Transfer die Wahrscheinlichkeit einer Schwangerschaft erhöht. Als Ursache wurden immunologische Faktoren angenommen, die durch die Samenflüssigkeit positiv beeinflusst werden können.

Daraus ergaben sich dann Überlegungen, diesen Effekt etwas gezielter zu nutzen und die Förderung der Einnistung durch Samenflüssigkeit zu verbessern. Ohne Erfolg, wie wir inzwischen wissen.

Gibt es andere Studien zum Sex nach Transfer?

Sex nach Transfer
Diese Warnung scheint überflüssig zu sein

In einer Übersichtsarbeit aus dem Jahre 20122 wird neben einigen Studien, die Samenflüssigkeit zu Verbesserung der Einnistung verwenden, auf eine weitere Studie verwiesen, die im Jahr 2009 publiziert wurde3. Hier wurden 390 Frauen mit einer seit mindestens 5 Jahren bestehenden Sterilität untersucht, also eine echte Negativauswahl. 195 Patientinnen hatten Sex 12 Stunden nach Transfer, die Kontrollgruppe (auch 195) hatte keinen Geschlechtsverkehr während der gesamten Dauer der Behandlung.

Verhalten nach Transfer
13 Tipps zur Verbesserung der Einnistung und ihre wissenschaftliche Bewertung

Die erste Gruppe erreichte in 14,2% der Behandlungen eine fortlaufende Schwangerschaft, die Kontrollgruppe nur in 11,7%. Ein signifikanter Unterschied fand sich also nicht. Die Schwangerschaftsrate war in dieser Studie auffällig niedrig, möglicherweise zu erklären durch die lange Sterilitätsdauer, denn dies hat einen negativen Einfluss auf die Erfolgsraten.

Im Jahr 2015 wurde eine Übersichtsarbeit publiziert, die die Ergebnisse der Untersuchungen von 2.200 Paaren zu dieser Fragestellung zusammenfasste. Es wurden die Schwangerschaftsraten verglichen in Abhängigkeit davon, ob die Frau Kontakt mit dem Seminalplasma des Partners hatte. Entweder durch Sex zum Zeitpunkt des Transfers oder durch eine Spülung mit der Flüssigkeit des Ejakulats (Seminalplasma). Das ist nun eine sehr unscharf definierte Patientengruppe und das auch noch aus mehreren Studien, daher sollte man vorsichtig mit dem Ergebnis. Eine Verbesserung der Schwangerschaftsrate pro Transfer um ca. 23% konnte hier festgestellt werden4.

Eine weitere Studie aus dem Jahre 20235untersuchte ebenfalls den Einfluss von Sex am Tag vor dem Transfer. In der prospektiven Studie wurden die Ergebnisse von 223 Paaren miteinander verglichen. 116 hatten Verkehr vor dem Transfer und 107 nicht. 52% der Frauen, die Sex vor dem Transfer hatten, wurden schwanger und nur 37% derer, die keinen Geschlechtsverkehr zu diesem Zeitpunkt hatten. Die Autoren geben zwar an, dass das Ergebnis statistisch signifikant ist, aber das darf man aufgrund der kleinen Zahl an Patienten durchaus in Frage stellen.

Zusammenfassung

Sicherlich wäre die eine oder andere Studie zu diesem Thema hilfreich, um die bislang vorliegenden Ergebnisse zu bestätigen oder eben auch zu widerlegen. Drei Studien plus Übersichtsarbeit sind nur eingeschränkt in der Lage, eine sichere Antwort auf die Frage zu geben, ob Sex nach Transfer schadet oder gar nützt. Aber die bislang vorliegenden Studien kann man in zwei Kernaussagen zusammenfassen. Zuerst die gute Nachricht:

Geschlechtsverkehr nach Transfer scheint keinen negativen Einfluss auf den Verlauf der Behandlung zu haben

Das kann man als sicheres Ergebnis aus den bislang vorliegenden Studien ziehen. Das andere Ergebnis ist jedoch nicht ganz so eindeutig:

Es ist nicht wirklich belegbar, dass die Erfolgsraten durch Sex vor oder Nach dem Embryotransfer die Schwangerschaftsrate verbessert. Und vielleicht ist das ja auch eine gute Nachricht: Man darf Verkehr haben, aber man muss nicht.

Vorsicht: Mehrlingsrisiko!

Aber zumindest bei offenen Eileitern ist hier zur Vorsicht zu raten. Denn es wurde nicht nur einmal über viereiige Vierlinge nach dem Transfer von nur zwei Embryonen berichtet, weil das Paar zur Unzeit Geschlechtsverkehr hatte6 und sogar über Sechslinge nach Transfer nur eines Embryos7.

Foto von Free Grunge Textures – www.freestock.ca

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Dr. med. Elmar Breitbach ist Facharzt für Frauenheilkunde, Reproduktionsmedizin und Endokrinologie. Er ist als Reproduktionsmediziner seit mehr als 30 Jahren in der Behandlung ungewollter Kinderlosigkeit tätig. Dr. Elmar Breitbach ist Gründer und Betreiber von wunschkinder.de.
 

Literatur

  1. Tremellen KP, Valbuena D, Landeras J, Ballesteros A, Martinez J, Mendoza S, Norman RJ, Robertson SA, Simón C.
    The effect of intercourse on pregnancy rates during assisted human reproduction.
    Hum Reprod. 2000 Dec;15(12):2653-8.
  2. Abbas Aflatoonian, Sedigheh Ghandi and Nasim Tabibnejad
    Intercourse and ART Success Rates
    Advances in Embryo Transfer ISBN 978-953-51-0318-9 Edited by Dr. Bin Wu 2012 p. 185 -190Crawford, G., Ray, A., Gudi, A., Shah, A., & Homburg, R. (2015). The role of seminal plasma for improved outcomes during in vitro fertilization treatment: review of the literature and meta-analysis. Human reproduction update21(2), 275-284.
  3. Aflatoonian A., Ghandi S., Tabibnejad N
    The effect of entercourse around Embryo Transfer on Pregnancy Rate in Assisted Reproductive Technology Cycles.
    IJFS 2009;2: 169-172
  4. Crawford, G., Ray, A., Gudi, A., Shah, A., & Homburg, R. (2015). The role of seminal plasma for improved outcomes during in vitro fertilization treatment: review of the literature and meta-analysis. Human reproduction update21(2), 275-284.
  5. Hou, J. W., Yuan, L. H., Cao, X. L., Song, J. Y., & Sun, Z. G. (2023). Impact of sexual intercourse on frozen-thawed embryo transfer outcomes: a randomized controlled trial. Contraception and Reproductive Medicine8(1), 1-7.
  6. David J. Cahill Julian M. Jenkins Peter W. Soothill Andrew Whitelaw Peter G. Wardle
    Quadruplet pregnancy following transfer of two embryos: Case report
    Human Reproduction, Volume 18, Issue 2, 1 February 2003, Pages 441–443
  7. Mains, L., Ryan, G., Sparks, A., & Van Voorhis, B. (2009). Sextuplets: an unusual complication of single embryo transfer. Fertility and Sterility91(3), 932-e1.
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Kommentar

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17 Kommentare
  1. […] verwechseln sollte man dies mit dem Verkehr nach dem Transfer. Dieser kann sogar hilfreich für die Einnistung sein und nach der Rückgabe der Embryonen zwei Tage oder später nach dem Eisprung/Punktion ist […]

  2. Nina schreibt

    ich versteh die welt grad auch nicht mehr, habe vor kurzem eine ivf gehabt und auch auf meinem schlauen zettel vom arzt steht: absolutes sexverbot.
    alles komisch :o((

  3. Elmar Breitbach schreibt

    @Nina: Das letzte Wort hat der behandelnde Arzt. Aber wenn er nichts dazu sagt, dann kann man sich durchaus an dem orientieren, was hier steht

  4. Pico schreibt

    Wir hatten vor drei Tagen unsere IVF. Ist Verkehr danach erlaubt o sollte man darauf verzichten dies ist ein großes Thema bei uns Letzte IVF negativ auf Verkehr verzichtet 1IVF positiv Verkehr nach IVF gehabt Abbort wir wollen nichts falsch machen wer kann uns Rat geben

  5. Elmar Breitbach schreibt

    @Pico: Was dazu zu sagen ist, steht im Artikel. Maßgeblich ist natürlich, was Ihr Arzt sagt.

  6. Anni schreibt

    Weiß man schon, wie weit das Sperma in den weiblichen Genitaltrakt eindringen muss, um diesen positiven Effekt ausüben zu können? Unser Postkoitaltest war negativ…

  7. Auch wissen will schreibt

    1. ob das auch für Männer mit Azoospermie gilt und
    2. auch bei einer heterologen Befruchtung. Könnte das Sperma meines Mannes (na, von Sperma kann ja eigentlich keine Rede sein, aber von Trägersubstanz oder was auch immer) sich irgendwie kontraproduktiv auf den mit Spendersamenbefruchteten Embryo auswirken?

    Diese Fragen würde mich auch intressieren.

    Aus: IVF: Verkehr nach Transfer | IVF und ICSI | Aktuelles zum Thema Kinderwunsch von www.pco-syndrom.net

  8. Elmar Breitbach schreibt

    Auch wissen will: » Grundsätzlich sollte es auch bei Männern mit Azoospermie funktionieren (wenn es denn funktioniert), da die Bestandteile des Ejakulats normalerweise vollständig erhalten sind. Und dann natürlich logischerweise nur bei donogener Befruchtung.

  9. christin schreibt

    Wenn dem wirklich so ist und durch die Zugabe von SpermaFlüssigkeit die Niditation begünstigt wird, warum wird dann nicht in den Praxen so therapiert? Evtl durch künstliche Zugabe von Körperflüssigkeiten??

  10. Elmar Breitbach schreibt

    Weil es zwar Studien gibt, in denen das probiert wurde, die Ergebnisse jedoch nicht überzeugend waren. Daher ist zu schlussfolgern: Verkehr schadet nicht, aber nützen tut es auch nicht.

  11. NettiB schreibt

    Aber beim Sex kommt es doch auch zu Kontraktikonen der Gebärmutter beim Orgasmus der Frau, kann es da nicht passieren das die Embryonen in die "falsche" Richtung wandern?

  12. Elmar Breitbach schreibt

    Offenbar nicht häufiger, als wenn man keinen Sex hat.

  13. Merle_77 schreibt

    Okay, Sex vermindert also nicht die Einnistungschancen. Aber was ist mit dem Infektionsrisiko? Ist das erhöht, wenn man kurz nach TF (ggf. wie kurz / lange nach TF?) Sex hat?

  14. Elmar Breitbach schreibt

    Beim Transfer wird ja nur ein kleiner Katheter in der Gebärmutter eingeführt. Vorzugsweise möglichst atraumatisch. Gefahren für ein erhöhtes Infektionsrisiko bei einem folgenden Geschlechtsverkehr gibt es nicht. Zumindest nicht mehr als bei jedem anderen GV auch. Und die Ergebnisse der Studien weisen diesbezüglich keine Nachteile aus.

  15. Capsella schreibt

    Sexverbot hatte ich von Punktion bis Bluttest. Da der Transfer dazwischen liegt folglich auch nach Transfer. Aber wie Dr. Breitbach schreibt ist das Sexverbot vermutlich eher auf das Infektionsrisiko nach Punktion zurück zu führen. Bei 7 IUIs (wie beim Transfer nur kleiner Katheter) hatte ich nie Sexverbot.

  16. […] In vitro fertilisation: Sex nach Transfer ist erlaubt […]

  17. claru80 schreibt

    Hallo, ich habe hier noch diese Studie gefunden. Genügt die nicht den peer-review Kriterien (oder gibts sowas bei Medizinern gar nicht?) oder denen der Cochrane Database, oder warum wurde sie nicht aufgeführt?

    https://www.fertstert.org/article/S0015-0282(13)03367-0/fulltext