Niedriger AMH-Wert: Mehr Fehlgeburten?

Geht ein niedriges Anti-Müller-Hormon mit einem erhöhten Risiko für Fehlgeburten einher?

Der AMH-Wert im Blut zeigt die Aktivität der Eierstöcke an. Ein niedriger AMH-Wert bedeutet, dass diese Aktivität der Eierstöcke – also die Bereitschaft, Eizellen heranreifen zu lassen – vermindert ist.  Bedeutet dies auch ein erhöhtes Risiko für Fehlgeburten?

Das Anti-Müller-Hormon

Das Anti-Müller-Hormon wird in den Eierstöcken gebildet und man bestimmt es bei der Kinderwunschbehandlung zur Einschätzung der weiblichen Fruchtbarkeit aus dem Blut. Es gibt zahlreiche Fakten und Mythen zu diesem Hormon. Dabei sind zu hohe und niedrige Werte Grund zur Sorge. Jedoch wird oft behauptet, dass niedrige Werte auch zwangsläufig eine schlechte Qualität der Eizellen zur Folge haben. Das stimmt jedoch nachweislich nicht1.

Häufig wird auch die Annahme geäußert, ein niedriges AMH bedeute ein erhöhtes Risiko für Fehlgeburten. Wenn die Qualität der Eizellen bei einem niedrigen AMH-Wert nicht schlechter ist (nur die Zahl geringer), dann sollten doch eigentlich auch Fehlgeburten nicht häufiger sein, so möchte man annehmen. Bei all diesen Aussagen muss natürlich darauf hinweisen, dass das AMH bei älteren Frauen im Schnitt niedriger ist und bei älteren Frauen Fehlgeburten häufiger.

Weitere Infos zum AMH finden Sie in unserem Artikel „Anti-Müller-Hormon (AMH) – Bedeutung und Aussagkraft„, der praktisch alle Fragen zu AMH beantwortet
Aber Annahmen helfen einem nicht weiter, sondern wissenschaftliche Untersuchungen.

Gibt es unabhängig vom Alter einen Zusammenhang zwischen niedrigen AMH-Werten und dem Auftreten von Fehlgeburten?

Diese Frage lässt sich nicht generell beantworten, da es dazu schlicht und einfach keine Studien gibt. Aber es gibt Studien, die diese Frage im Rahmen einer künstlichen Befruchtung beantworten. Sind Aborte häufiger bei Frauen mit niedrigem AMH-Wert und das unabhängig vom Alter? Chromosomale Auffälligkeiten (also ein Chromosom zu viel oder zu wenig) konnten bei den Eizellen von Frauen mit einem niedrigen AMH zwar häufiger nachgewiesen werden2, das ist aber nicht gleichbedeutend mit dem Risiko für Fehlgeburten. Wie sieht es also hier aus bei jüngeren Frauen?

Mehr Fehlgeburten nach IVF bei niedrigem AMH-Wert?

Zu dieser Frage gibt es einige Studien, die in den letzten Jahren veröffentlicht wurden und ein erhöhtes Risiko für Aborte nur bei mittlerem und höheren Alter der Frau beschrieb3. Nun also die gesonderten Studien zu jüngeren Frauen bei IVF und ICSI:

Eine Untersuchung aus dem Jahr 2021 erhob Daten von Frauen, bei denen eine IVF durchgeführt wurde4. Die Frauen waren alle jünger als 37, damit nicht das Alter als zusätzlicher Risikofaktor für Fehlgeburten eine Rolle spielte. Insgesamt wurde die Ergebnisse von 1.891 IVF-Zyklen bei 669 Frauen untersucht. Bei 106 (190 Zyklen) dieser Frauen war der AMH-Wert < 0.85 ng/ml, was dann in dieser Studie als niedrig galt (unterhalb der 10. Percentile). Die anderen 563 Patientinnen dienten als Kontrolle (961 Zyklen). Der AMH-Wert in dieser Kontrollgruppe lag zwischen 1,4 und 4 ng/ml.

In der Gruppe der untersuchten Frauen und der Kontrollgruppe kam in 9,5 bzw. 6,8% der Fälle zu einem vorzeitigen Ende der Schwangerschaft. Diese Differenz ist statistisch nicht signifikant. Die Autoren der Studie kommen daher zu dem Schluss, dass ein vergleichsweise erhöhtes Risiko für Fehlgeburten bei einem niedrigen AMH-Wert nicht zu erwarten ist.

Eine weitere Studie aus dem Jahre 2023 ging der gleichen Fragestellung nach. Hier lag die Altersgrenze  bei 35 und es wurde nicht nur der AMH-Wert bestimmt, sondern auch die Zahl der „Antralfollikel“ (AFC) im Ultraschall als weiteres Merkmal der Aktivität der Eierstöcke. Es wurde der Verlauf von Schwangerschaften nach IVF, ICSI oder IUI bei insgesamt 538 Frauen verfolgt.

Bei weniger als 0,7 ng/ml AMH fand sich keine erhöhte Zahl von Fehlgeburten im Vergleich zu Frauen mit höheren AMH-Werten. auch ein Zusammenhang mit einer geringen Zahl von Antralfollikeln ließ sich nicht herstellen.

Ein niedriges AMH erhöht nicht das Abortrisiko

Zusammenfassend lässt sich aus diesen Studien schließen, dass das Risiko für Fehlgeburten nicht erhöht ist, nur weil der AMH-Wert niedrig ist. Ein Erhöhtes Risiko für Fehlgeburten ergibt sich nur dann, wenn das Alter der Frau erhöht ist (> 35 bzw. 37)

Noch Fragen?

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Dr. med. Elmar Breitbach ist Facharzt für Frauenheilkunde, Reproduktionsmedizin und Endokrinologie. Er ist als Reproduktionsmediziner seit mehr als 30 Jahren in der Behandlung ungewollter Kinderlosigkeit tätig. Dr. Elmar Breitbach ist Gründer und Betreiber von wunschkinder.de.
 

Literatur

  1. Guerif F, Lemseffer M, Couet ML, Gervereau O, Ract V, Royère D
    Serum anti-Müllerian hormone is not predictive of oocyte quality in in vitro fertilization.
    Ann Endocrinol (Paris). 2009 Apr 28.
  2. Jaswa, E. G., McCulloch, C. E., Simbulan, R., Cedars, M. I., & Rosen, M. P. (2021). Diminished ovarian reserve is associated with reduced euploid rates via preimplantation genetic testing for aneuploidy independently from age: evidence for concomitant reduction in oocyte quality with quantity. Fertility and sterility115(4), 966-973.
  3. Tarasconi, B. (2017). Höheres Fehlgeburtsrisiko bei niedrigem AMH-Wert. Fertil Steril108, 518-524.
  4. Cornille A-S., Sapet C., Reignier A. , Leperlier F., Barrière P., Caillet P., Fréour T., Lefebvre T

    Is low anti-Mullerian hormone (AMH) level a risk factor of miscarriage in women <37 years old undergoing in vitro fertilization (IVF)? Hum Fertil (Camb) . 2021 Jan 15;1-11.

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