Schlechte Spermien: schlechtere Schwangerschaftsrate trotz guter Befruchtung

Ist eine Befruchtung der Eizelle aufgrund schlechter Spermienqualität auf normalem Wege nicht möglich, dann ist die *icsi* die üblicherweise notwendige und erfolgversprechende Behandlung. Wenn durch das Einspritzen der Spermien in die Eizelle eine Befruchtung eintritt, ist dann die Schwangerschaftsrate vergleichbar mit einer *ivf* bei normalem Spermiogramm? Diese Frage stellt sich, da in mehreren Studien nachgewiesen werden konnte, dass Männer mit einem schlechten Spermiogramm häufiger genetische Defekte bei der Chromosomenuntersuchung aufweisen. Exemplarisch sei dazu auf eine Studie[1] aus dem Jahre 2003 verwiesen:

In einer dänischen Studie wurden 392 Männer mit eingeschränkter Spermienqualität einer Chromosomenanalyse unterzogen. Die Einschränkung der Fruchtbarkeit erforderte in allen Fällen eine intrazytoplasmatische Spermieninjektion (=ICSI). Zur Kontrolle der Ergebnisse wurden 100 Männer mit erwiesener Fruchtbarkeit der gleichen genetischen Untersuchung unterzogen.
Bei den unfruchtbaren Männern wurde eine Chromosomenanalyse durchgeführt, sowie eine Untersuchung auf Y-Chromosom Mikrodeletionen (Azoospermie-Faktor) und des weiteren auf CFTR-Mutationen, welche Hinweise auf eine genetisch angelegte Stoffwechselerkrankung (Mukoviszidose) ergibt. Bei den fruchtbaren Männern wurde lediglich eine Chromosomenanalyse durchgeführt.
Auffällige Befunde bei der Chromosomenanalyse fand man bei 11,7% der Männer mit einer Azoospermie (= völlig fehlenden Spermien) gegenüber nur 2,1% der Männer mit normaler Fruchtbarkeit. Mikrodeletionen des Y-Chromosoms wurden bei 6,5% der Männer mit Azoospermie gefunden und bei 2% der Männer mit sehr ausgeprägt verminderter Spermienzahl (< 1 Mio/ml). Eine CFTR-Mutation fand sich nur bei Männern mit einer Azoospermie und angeborenem Fehlen der Samenleiter(CBAVD) (3,9%)

Die Frage, ob neben dieser Problematik auch bei genetisch gesunden Männern mit schlechter Spermienqualität Fehlverteilungen im Erbmaterial der Spermien zu finden sind, wurde in einer aktuellen Studie[2] untersucht und verbunden mit der Frage nach dem Ausgang einer ICSI-Behandlung. Die Spermatozooen von 10 Männern mit einer schweren Einschränkung der Spermienzahl (< 5 Millionen/ml), 10 mit einer milder ausgeprägten Verminderung der Spermienkonzentration (5-20 Millionen/ml) und 10 fertilen Spender wurden dazu untersucht auf Veränderungen der Chromosomen 18, X und Y. Es fanden sich mit abnehmender Spermienzahl eine Zunahme an Disomien der untersuchten Chromosomen. Diese waren also doppelt vorhanden, was dann zusammen mit den Chrmosomen der Eizelle zu einer Trisomie führt. Statt zwei sind dann als drei dieser Chromosomen bei dem so entstandenen Embryo vorhanden. Die Befruchtungsraten waren bei einer schweren Einschränkung der Spermienqualität genauso gut wie bei den weniger ausgeprägten Oligozoospermien, jedoch ergaben sich signifikante Unterschiede in den Schwangerschaftsraten nach einer ICSI. Die Autoren machen die Fehlverteilungen der Chromosomen im Erbgut der Spermien dafür verantwortlich. da es gegenwärtig nicht möglich ist, Spermien vor einer ICSI genetisch zu untersuchen, ist dieses Problem mit einer schlechteren Schwangerschaftsrate bei normaler Befruchtungsrate nicht zu lösen. Über diesbezügliche indirekte Methoden mit einem stark vergrößerndem Lichtmikroskop (IMSI) wurde in unserem Wiki bereits berichtet.

[1] Cruger D, Agerholm I, Byriel L, Fedder J, Bruun-Petersen G.
Genetic analysis of males from intracytoplasmic sperm injection couples
Clin Genet. 2003 Sep;64(3):198-203

[2]: Nagvenkar P, Zaveri K, Hinduja I.
Comparison of the sperm aneuploidy rate in severe oligozoospermic and oligozoospermic men and its relation to intracytoplasmic sperm injection outcome.
Fertil Steril. 2005 Oct;84(4): 925-31

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Dr. Elmar Breitbach

Dr. med. Elmar Breitbach ist Facharzt für Frauenheilkunde, Reproduktionsmedizin und Endokrinologie. Er ist als Reproduktionsmediziner seit mehr als 30 Jahren in der Behandlung ungewollter Kinderlosigkeit tätig. Dr. Elmar Breitbach ist Gründer und Betreiber von wunschkinder.de.
 

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Kommentar

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3 Kommentare
  1. Rebella schreibt

    Zur IMSI gibt´s auch hier was: http://humrep.oxfordjournals.org/cgi/content/full/20/1/185 .

    Vielleicht wäre eine deutsche Zusammenfassung ja hier einen neuen Artikel im Blog wert?

  2. RiRi schreibt

    Wir haben die Diagnose Kryptozoospermie, jedoch scheint ausgehend vom erhöhten FSH Wert (17) das zerstörte Hodengewebe "Schuld" zu sein, genetisch ist alles iO..
    Ist auch bei einer solchen Diagnose davon auszugehen, dass die übriggebliebenen Spermien eine erhöhte Veränderung in den Chromosomen aufweisen?

    Wäre dies dann nicht eher eine eigene Diagnose, tiefe Spermienzahl wegen dem Chromosomenfehler? Dann wäre bei diesen Patienten zB. der FSH Wert im Normbereich.
    Oder kann man diesen Umkehrschluss nicht machen?

  3. Elmar Breitbach schreibt

    Nein, dieser Umkehrschluss ist nicht möglich